Karl Scott – Singer-Songwriter – Wohnzimmerkonzert

Karl, du bist Engländer und lebst in Bremen?

Ja. Als ich vor ungefähr sechs Jahren anfing, Musik zu machen und herum reiste, suchte ich eine kleine Basis, wohin ich immer wieder zurück kehren konnte. Die meiste Zeit träumte ich davon, einen kleinen Raum zu haben, den ich mein Eigen nennen konnte, der mir alles Angenehme bot, was ich für den Alltag brauchte.

In den ganzen sechs Jahren versuchte ich, Geld zu sparen, was äußerst schwierig ist, lebte von der Hand in den Mund. Es ist so hart, Geld zu sparen unter den Bedingungen, unter denen ich lebe, aber ich habe es geschafft und ich konnte mir einen kleinen Garten kaufen, – es ist perfekt

Tourst du auch in England?

In den ganzen sechs Jahren habe ich in England vielleicht vier Wohnzimmerkonzerte gegeben. In England sind Hauskonzerte nichts Besonderes, da heißt es: Ja, zu welchem gehen wir heute? Aber hier in Deutschland ist es noch besonders. Das Besondere an Hauskonzerten ist, dass sie sehr nahe gehen.

Du kommst zu einem Gastgeber und spielst in seinem Haus, und es ist so direkt und herzlich und nah…

Mir gefallen die Hauskonzerte am besten, wenn die Leute aufmerksam sind und zuhören, und gar nicht, wenn sie sich laut unterhalten dabei und ihr Bier trinken. Ich mag es nicht, um Aufmerksamkeit zu kämpfen, deswegen bin ich nicht dort. Es geht darum, die Menschen mit der Musik zu berühren und ihnen etwas Wundervolles zu schenken. Meistens aber kommen die Gäste, weil sie eingeladen sind und nicht, weil jemand spielt.

Hier in Deutschland ist es allerdings so: Oh, meine Freundin hat ein Wohnzimmerkonzert, das ist interessant! Manche haben aber auch gesagt: Wir dachten, der Freund hat einen Freund, der gerade Gitarre lernt und uns was vorspielen möchte…
Und dann war ich da und habe ein richtiges Konzert gegeben, – das hat sie erstaunt. Was ich ganz besonders an diesem Hauskonzerten liebe ist, dass mir jemand wirklich zuhört, es ist noch mal ganz anders, als auf einem großen Konzert.

Wenn man eine berühmte Person mag, dann geht man dorthin, um dieser Person zuzuhören, und wenn sie zu einem Hauskonzert kommen, dann hören sie auch zu. Der Unterschied aber ist, dass ich mich ganz anders mit demjenigen verbinden kann, als wenn ich oben auf einer groߟen die Bühne stehe, da könnte ich denjenigen in seiner Person gar nicht wirklich wahrnehmen. Ich habe meine Lieder geschrieben von Herz zu Herz, und in meine Konzerte erlauben es mir, sie direkt zu erreichen, Das ist eine wunderschöne Sache. Was ich ganz besonders liebe ist, auf meiner Bühne gibt es keine Mikrofone, nur mich und meine Instrumente und der unmittelbare Raum, in dem wir alle zusammen sitzen, ich bin hierher gekommen, du bist hierher gekommen… Ich rede nicht mit dir von einer Bühne herab…

Ja, es ist besteht nicht der Unterschied – du bist im Licht und wir sind im Schatten…

Genau, ich treffe wundervolle Menschen überall dort, wo ich bin, und jeder hat seine Geschichte. Jeder erzählt mir seine Geschichte. Das ist wirklich das, was ich machen möchte.

Viele Musiker starten mit Wohnzimmerkonzerten. Dann werden sie bekannter, größer und füllen irgendwann ganze Stadien. Für mich aber sind diese Wohnzimmerkonzerte das Beste. Das war und ist mein Ziel, welches ich erreichen wollte von Anfang an.

Für mich gibt es nichts Besseres. Festivals machen Spaß, aber es sind nicht meine Favoriten. Ich spiele lieber vor zehn Leuten, die mir wirklich zuhören als vor Tausenden, die sich mit vielen anderen Dingen beschäftigen und nicht im Moment sind. Es sind die Geschichten, die berühren und nirgendwo sonst ist man so nah an den Geschichten dran.

Vor einigen Monaten erzählte mir eine Frau: Viele meiner Freunde sind gestorben und ich bin wirklich sehr traurig. Heute Abend mit deiner Musik ist der erste Abend, an dem ich mich okay fühle.

Diese Geschichte wäre niemals zu mir gekommen, wenn ich vor Vielen gespielt hätte. Da kommen meistens eher Aussagen wie: Das war ganz nett. Und: Du solltest mehr Stücke mit der Trommel spielen.

Wie gesagt, es ist das Größte für mich, wenn ich mich so mit den Menschen verbinden kann.

 

Gibt es Menschen die dir nicht in die Augen schauen, wenn du spielst?

Ja, die gibt es tatsächlich. Manche haben die Augen geschlossen. Ich lasse meinen Blick immer mal wieder über die Menge schweifen und stelle dann fest, dass sie mit der Musik fliegen.

Gestern abend hast du das Spacedrum gespielt – zum ersten Mal!

Ich bin kein Experte. Ich habe es noch nicht gespielt. Es gibt etwas in mir, was intuitiv spielt. Ich spiele und ich lerne über das Hören.

Hast du das absolute Gehör?

Nein, das habe ich nicht. Das Wichtigste ist die Tontiefe und das haben wir alle, sonst könnten wir ja z.b. beim telefonieren gar nicht unterscheiden, ob jemand glücklich oder traurig ist. Das können wir ja sehr wohl an der Stimme hören, ob sich Stimmungen verändern.

Und die Stimmung bewegt…

Durch die ganze Unterhaltung der Medienbranche verlieren wir mitunter auch unsere Fähigkeit, uns wirklich bewegen zu lassen.
Es gibt eine wirklich wunderschöne Geschichte von einem Mann auf einem meiner Konzerte, ein groߟer stämmiger Mann mit vielen Muskeln. Einer, der sehr oft Fernsehen schaut, der mitten im Leben steht… Er steht vor mir mit Tränen in den Augen und sagt: Ich weiß nicht, aber irgendwas…, irgendwas…, irgendwas…
Und dann ging er, – das war das beste Kompliment, welches ich jemals bekommen habe. Irgendetwas im ganzen Kontext des Konzertes hat ihn berührt. Genau das ist es, weshalb ich Wohnzimmerkonzerte so liebe.
Viele Menschen wollen einfach nur unterhalten werden, sagen, das war sehr nett aber irgendwie war es auch deprimierend.
Ich frage dann: War es das wirklich oder war es schön auf seine Art?
Denn die Antwort kommt aus dem selben Raum. Wenn ein Kind, eine junge Frau zum Beispiel geht, weil es an der Zeit ist und die Mutter weint ihr hinterher, ist es wirklich deprimierend oder ist es nicht auch ein schöner Moment, zu sehen dass das Kind eigene Wege geht.

Künstler sind sensitive Menschen, die Gefühle anderer sehr deutlich wahrnehmen können…

Künstler sind vor allem Menschen, die keine Angst haben, diese Gefühle zum Ausdruck zu bringen und daher nehmen Sie sie auch leichter wahr und können Sie in der Kunst verarbeiten. In allen Zeiten und Kulturen ist eine wichtige Form des Ausdrucks das künstlerische Schaffen der Menschen. Künstler sind die Tagträumer, die jeder auf seine Art und Weise die Welt wahrnehmen und letztendlich auch hinterfragen. Künstler stellen Fragen, so dass jeder angeregt ist, Antworten zu finden. Fragen zu stellen oder das, was ist zu hinterfragen, ist unglaublich wichtig in einer Gemeinschaft. Die Künstler fragen ständig nach: Ist es das? Ja. Ist es das wirklich? Okay, es ist das…
Oder sie stellen mit ihrer Kunst etwas heraus und bringen es auf den Punkt. Sie verbinden sich mit ihrer Umwelt, um dann zeitgemäß Fragen in den Raum zurückzugeben, daher ist es nicht nur wichtig, dass das, was geschaffen werden soll ausgedrückt wird, sondern es musste rausgehen in die Gemeinschaft. Das ist so wichtig, dass es raus geht! Andere bekommen dadurch neue Impulse. Künstler bringen Dinge zusammen, die vorher so nicht gesehen worden sind. Künstler machen Fragen laut, gar nicht mal die Antworten, sondern die Fragen, – so kommt jeder Einzelne an seine Fragen heran, die für die eigene Entwicklung wichtig sind.

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Interview, Übersetzung, Fotos © Simone Richter 2017

 

Locating Life Playlist

Locating life:   *   Clear Skies   *   Hold   *   Unknown Soul   *   You up there   *   Paper Kites   *   Bard

Three ep`s Playlist

seasons change:   *  never fade   *   naturally starling

snow from trees:   *  failure to thrive   *   home   *   pray   *   snow from trees

dervish:   *  can´t say i´m happy   *   think of you   *   dört gözlem (four observations)   *   dervish   *   willow tree

 

Karl Scott:     facebook      soundcloud      bandcamp

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