Valeria Zorina – Violinistin

*

Valeria Zorina fühlt sich sehr wohl hier an unserer Ostseeküste.Sie mag den kühlen Charme, der ganz im Gegensatz zu den temperamentvolleren Italienern und Spaniern steht. Obwohl sie viel in Europa gebucht wird, wohnt sie hier in Deutschland. Die gebürtige Moldavin ruht in ihrer sanften Ausstrahlung, kaum aber betritt sie die Bühne, wird man ganz mitgenommen von ihrer Schnelligkeit und Leidenschaft, mit der sie die Werke berühmter Musiker interpretiert.

Wann immer es ihr möglich ist, fördert sie Nachwuchstalente in Meisterklassen. Dieses Interview entstand 2016 im Rahmen eines Gespräches über Lerntraining und die Förderung von Begabungen.

Interview mit Valeria Zorina

Welche Musik inspiriert Sie neben der Klassischen Musik am meisten?

Ich unterscheide die Musik grundsätzlich nicht nach den „offiziell etablierten“ Abschnitten. Klassisch, Romantisch, Populär…etc. Es sind für mich viel zu sehr künstlich ausgedachte Begriffe, die als Folge eine lineare Vorstellung der Musikgeschichte und der Geschichte überhaupt, in eine tiefe Bedeutung des Wortes, haben. Dadurch wird der Laufbahn der Musikentwicklung in konkrete Teilchen „geschnitten“ und die werden benannt.

Ich sehe es anders. Die Inspiration beim Musizieren schöpfe ich aus der Verbindung aller in allem. Es ist fast die Verbindung zwischen Physik und Bildhauerei. Der ganze Kosmos in einem Wassertropfen, in einem Schneekristall, Wolken, Wellen…

Unabhängig davon zu welcher Epoche ein Stück gehört, nachdem si komponiert ist, lebt dieses Stück ein eigenes Leben durch die Zeit. Und wird immer wieder anders empfunden. Es entwickelt sich weiter. Von daher kann ein Stück für mich nicht nur zu einem Begriff wie klassisch gehören.

Mich inspiriert der Prozess der Entsehung dieser Bilder, oft sehr konkrete Bilder, die durch Musizieren aus meinen Gefühlen und Gedanken entstehen und nehmen mich mit an der hAnd. Die führen mich weiter durch das Stück. Ich könnte es Filmmusik nennen, unabhängig ob klassisch oder Pop.

Haben Sie bereits an einer Filmmusik mitgewirkt, wenn ja, an welcher?

Ich habe Musik zu den Theaterstücken gespielt. In London habe ich Projekte geleitet, wo Musik das Gedicht und Licht verbindet.

Komponieren Sie eigene Musik?

Nein, ich schreibe Gedichte.

Was ist die größte Herausforderung, auf einer Bühne vor vielen Menschen zu spielen?

Die Herausforderung vor Menschen zu spielen besteht für mich darin vermitteln zu können, was in diesem Moment entsteht. Als Musiker bereitet man das Programm durchs Üben, mit allen dazu gehörigen Bestandteilen des Prozesses vor, auf der Bühne ist dann der Moment, wo das Ganze sozusagen neu entsteht. Tehater und Musik (als Konzertversion) sind in dem Sinne ähnlich. Ein Bild wird lange vorbereitet und es ist fertig und präsentiert sich bei der Ausstellung. Wir Interpreten machen es in dem Moment, und er wird sich nicht wiederholen. Das ist die Herausforderung. Diese Zeit als eine einmalige nutzen zu können.

Haben Sie Lampenfieber vor Ihren Auftritten? Wenn ja, wie meistern Sie diese?

Was genau st Lampenfieber? Wenn wir es als körperliche Symptome beschreiben würden, bestimmt steigt bei den meisten sich respektierenden Konzertmusiker die Körpertemperatur auf der Bühne.

Ich empfinde auf jeden Fall die Verantwortung gegenüber der Message, die ich von der Bühne zu vermitteln habe. Aber wenn du als Musiker und Künstler wächst, irgendwann verstehst du, dass nicht nur um dich auf der Bühne geht, sondern um das, was der Mensch als Zuhörer in sich dadurch erlebt und mitnimmt. Du bist ja nur der Vermittler. Dieser Gedanke entspannt das Ganze und so wird es nicht zum Fieber kommen.

Beschreiben Sie bitte, was die Leidenschaft zur Musik in Ihnen ausmacht.

Die Musik ist für mich fast wie eine tastbare substanz, die alle möglichen Formen annehmen kann. Dadurch ist sie für mich die Fülle vieler Zustände meiner Seele und meiner Fantasie.

Wie haben Sie als Kind Musik erlebt?

Musik war für mich immer etwas Natürliches. Es war immer da. Zugänglich und greifbar. Alle Arten der Musik.

Beschreiben Sie den „magischen“ Moment, der Ihnen Zugang zur Musik eröffnet hat.

Es gab keinen magischen Moment, denn Musik war immer da gewesen. So sehr, dass ich sie als Kind wahrscheinlich nicht mal zu schätzen wusste wie ich es jetzt tue.

Haben Sie das absolute Gehör? Haben Sie es seit Sie Kind sind?

Wenn ich einen Klang höre, erkenne ich gleich die Tonhöhe und kann sie benennen, die Verbindung zwischen Klang – Tonhöhe – Notenname. Natürlich ist es seit der Kindheit so. Und zwar bei vielen Menschen. Es wird auf genetischer Ebene vererbt und ist dadurch angeboren. Viele wissen es einfach aus verschiedenen Gründen nicht: Weil sie nicht Musiker sind, weil sie die Notennamen nicht kennen oder nicht gelernt haben, sie mit Tonhöhe zu verbinden, oder weil sie sich nie damit beschäftigt haben.

Ich konnte es immer, und seit ich die Noten nennen lernte, konnte ich Klang mit der Tonhöhe verbinden und benennen. Aber ich wusste es ungefähr bis zur 4. oder 5. Klasse nicht, dass es absolutes Gehör heißt. Ich bin davon ausgegangen, dass es bei allen so ist und deshalb war es nie ein großes Thema. Erst später habe ich verstanden, wie wichtig und hoilfreich es eigentlich ist, um ein Streichinstrument zu spielen.

Welchen Einfluss übten Ihre Eltern auf Ihre Musiklaufbahn aus?

Meine Eltern sind Musiker. Gerade deshalb haben sie mich nie gezwungen, Musik zu machen. Als sie gemerkt haben, dass ich in der Musik etwas zu sagen habe, haben sie mich unterstützt.

Was waren die motivierendsten Worte, die Ihnen jemand gesagt hat?

Ich kann mich, ehrlich gesagt, nicht an konkrete Wörter erinnern, die mich motiviert haben, Musik zu machen. Auf mich wirkte die ganze Musikszene und die gesamte Kunstsituation während meines Studiums in London sehr motivierend. Und dieses Gefühl der Inspiration und Motivation wieder zu holen ist mir sehr wichtig in den weniger motivierenden oder schwierigen Momenten des Lebens.

Wen möchten Sie in Ihrer Musik begegnen?

Musik sehe ich als einen Weg, und auf diesem Weg begegnet man immer wieder neuen Menschen, neuen Situationen. Ich habe kein Ziel, jemand bestimmten zu begegnen, denn ich weiß, dass ich auf diesem Weg immer weiter lernen werde durch die Begegnungen und die Erlebnisse, die fast von alleine entstehen.

Welche Erfahrungen, welche Empfehlung möchten Sie Eltern für ihre Kinder weitergeben?

Aus den Erfahrungen anderer zu lernen finde ich schwierig, und je älter ich bin, fühle ich mehr und mehr die Verantwortung, diese Empfehlungen weiterzugeben. Was ich aber Eltern gerne raten will ist, dass sie den Zugang für ihre Kinder zu dieser nicht konkreten, fast symbolischen und gefühlsmäßig sehr starken Erlebniswelt ermöglichen, die Entwicklung beobachten und nach Möglichkeit unterstützen.

*

Hier geht es zur offiziellen Webseite der Künstlerin

*

*

Interview: Simone Richter 2016. Das Foto wurde freundlicherweise von der Künstlerin zur Verfügung gestellt.

*

*

*

Kommentar verfassen